Der junge Hund

Erinnern Sie sich an Lassie? Ich glaube ja fest daran, dass sich viele Kinder in den sechziger, frühen siebziger Jahren einen Hund wie Lassie gewünscht haben. Ich jedenfalls wollte genau so einen, einen eigenen, richtigen Collie, schön, klug, intelligent und nicht so was wie unsere unerzogenen Cocker Spaniel, die ich nur „mitbesitzen“ durfte… Meine Eltern weigerten sich allerdings beharrlich, meinem Herzenswunsch nachzukommen und im Nachhinein betrachtet, war das auch gut so. Ich hätte damals weder die Zeit noch das Geld für den Unterhalt eines Hundes gehabt und im frühpubertären Alter mit Sicherheit  auch nur wenig Zeit und Lust, meinem jungen Hund die Welt zu zeigen. Nur den Dreck, den hätte ich nicht gescheut, aber letztendlich wurde es dann doch nur ein Hündchen der Rasse „Steiff“.

Heute weiß ich, Hunde, egal welcher Größe oder Rasse, haben Anspruch auf ein artgerechtes Leben und einer ihrer Veranlagung angemessenen Beschäftigung. Unsere Haushunde sind hochsoziale Lebewesen, die über Jahrtausende domestiziert und für das Zusammenleben und -arbeiten mit Menschen gezüchtet wurden. Sie brauchen Sozialkontakte zu Mensch und Tier (Artgenossen), genauso wie gutes und ausreichendes Futter, Wasser, Pflege, Bewegung und Beschäftigung. Sie brauchen aber auch Ruhe und die Fähigkeit, sich unserer modernen (Um-)Welt anzupassen. Und wir erwarten von ihnen, dass sie typisch hündisches Verhalten wie zum Beispiel (viel) Bellen oder Jagen am besten erst gar nicht zeigen, stattdessen aber sich sicher und gelassen in unserem (sozialen) Umfeld bewegen und konfliktfrei mit Artgenossen umgehen können - ganz schön viel verlangt…

Aber das geht grundsätzlich mit jedem Hund, wir müssen uns nur darüber im Klaren sein, dass wir Hundehalter die Basis hierfür herstellen und dem Hund die Welt, unsere Anforderungen an ihn und die entsprechenden Regeln zeigen und „erklären“ müssen! Das nämlich wird dem Welpen nicht einfach so „in die Wiege gelegt“, und bedeutet, insbesondere in seinem ersten Lebensjahr, auch viel Mühe und Arbeit. Aus eigener Erfahrung kann ich aber auch sagen, dass dies eine sehr gute Investition im Hinblick auf ein langes, erfülltes und harmonisches Zusammenleben mit unseren Vierbeinern ist!

Nun kann so ein Artikel natürlich niemals alle Facetten der Sozialisierung, des Lernens, Erziehens und Ausbildens widerspiegeln und auch nicht Antworten auf alle möglichen Fragen geben. Aber vielleicht kann er ein paar Aspekte anreißen, die zum Verständnis beitragen, zum weiterführenden Nachlesen und vielleicht Nachmachen anregen oder bei der Wahl einer guten Hundeschule / eines guten Ausbilders helfen. Ich werde nachfolgend ein paar mir sehr wichtige Punkte im Umgang mit einem jungen Hund aufführen, und diese teilweise anhand von Beispielen aus der Junghundezeit meiner Hunde erläutern. Hierbei erhebe ich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil, ich hätte noch so viel mehr dazu schreiben können, was sich allerdings leichter in gesprochene Worte fassen lässt…


 Textmarken direkt zu:

-          Sozialisierung / sensible Phase

-          Welpenspiel / Welpenspielstunde / die Hundewiese

-          Bindung / Bindungsarbeit & -spiele

-          Der Folgetrieb /Rückruf

-          Assoziatives Lernen

-          Belohnung vs. Bestechung

-          Grenzen setzen!


Inwieweit die Redewendung „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ wissenschaftlich fundiert auf uns Menschen zutrifft, vermag ich nicht seriös zu sagen. Auf Hunde bezogen, hat sie allerdings einen wahren Kern. Der Charakter und das Verhalten eines erwachsenen Hundes resultieren zwar zum einen aus angeborenen Verhaltensweisen, zum anderen aber auf, insbesondere in der sensiblen Phase (03. bis ca. 12./13. Lebenswoche zzgl. einer gewissen Karenzzeit), gemachten Erfahrungen und Gelerntem. In dieser Zeit finden nämlich im Gehirn des jungen Hundes mannigfaltige Prozesse statt (u.a. die stabile Vernetzung der Neuronen), die maßgeblich die Basis für die spätere Leistungs- und Lernfähigkeit des Gehirns beeinflussen. Maßvolle Auseinandersetzung mit den alltäglichen Umweltreizen, Menschen, erwachsenen wie Kindern, Tieren aller Art etc. fördert in hohem Maße die positive Entwicklung und „breite“ Ausbildung des Hundehirns, während ein Zuwenig an entsprechenden Reizen im Umkehrschluss massive und irreversible Entwicklungsstörungen nach sich ziehen kann, die nervöse, unsichere, ängstliche und eventuell dann auch aggressive Hunde hervorbringen können. Erfahrungen, positive wie negative, die ein Welpe in dieser Zeit macht, verankern sich tief im Hundehirn, der Hund kann später beim Auftreten vergleichbarer Situationen auf das Gelernte zurückgreifen und entsprechend reagieren. Nach Abschluss der sensiblen Phase geht der junge Hund nicht mehr so unvoreingenommen, unbedarft und neugierig mit neuen Situationen und Reizen um, sondern zeigt dann tendenziell eher Unsicher- bis Ängstlichkeit. Wie gut er dann durch die entsprechende Situation kommt, hängt wiederum von verschiedenen Faktoren ab, u.a. von seiner persönlichen Konstitution und seinem Vertrauen in seinen Menschen, die Umgebung, seine Umwelt…

Junge Hunde sind also, insbesondere, wenn sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben, nicht nur sehr neugierig, sondern auch sehr auffassungsfreudig und lernwillig. Diese Tatsache sollten wir nutzen, und unserem Hündchen die Welt zeigen. Dies dient nicht nur dazu, den Hund an alle denkbaren Alltagssituationen heranzuführen, sondern eignet sich auch bestens, Bindung zu und Vertrauen in uns herzustellen. Allerdings sollte man hierbei behutsam vorgehen und die Anforderungen nur schrittweise steigern. Auch sollte man darauf achten, dass jede „Trainingseinheit“ positiv beendet wird (das gilt übrigens auch für den Hundeplatz!). Ich habe mit Sheela innerhalb der ersten acht Wochen nahezu alles gemacht, von dem ich glaubte, dies früher oder später einmal machen zu müssen (sogar Bus fahren, obwohl ich ja eigentlich ein Auto besitze).

Das erste Mal mit zum Essen habe ich sie in eine kleine Pizzeria mitgenommen. Ich hatte dem Wirt vorher Bescheid gesagt und um einen ruhigen Eckplatz gebeten. So war’s dann auch, und meine kleine Maus war ganz artig und ruhig, zu ruhig, fand ich, bis ich entdeckte, dass Sheela unterm Tisch sitzend genüsslich ihre Leine zerkaut hatte. Ansonsten halte ich geräumige Baumärkte, Bahnen, Busse, Bahnhöfe, nicht zu belebte Innenstädte, Minigolfanlagen, Badeplätze, Rollschuhbahnen (von außen!), Wildparks etc. für hervorragend geeignete „Ausbildungsstätten“, um unseren jungen Hund auf das Leben im Kreise seines und vieler anderer Menschen vorzubereiten. Und natürlich ist der Besuch einer guten Hundeschule überaus wichtig, nicht nur, um dem frisch gebackenen Hundeführer bei der Ausbildung seines Hundes zu unterstützen, sondern insbesondere auch, um den Hund an andere Hunde heranzuführen. Auch der junge Hund muss erst einmal lernen, wie Hunde miteinander umgehen und Körpersprache und Lautäußerungen seiner Artgenossen richtig deuten lernen. Dazu aber später mehr…

Kenzie wiederum hat ja in den ersten Monaten ihres Lebens nicht so gute Erfahrungen machen müssen (dazu mehr unter Alltagsteam). Sie kannte, als sie im Alter von knapp sechs Monaten zu uns kam, eigentlich nichts von dem, was ein Hund in unserer modernen Welt so alles kennen müsste. So konnte ich mit ihr auch erst nach Ende der sensiblen Phase mit der Umweltsozialisierung beginnen, also zu einem Zeitpunkt, wo sie bereits deutliche Unsicherheiten und leider auch Angstaggressivität zeigte. Beim Eintreten ihr unbekannter Situationen konnte Kenzie dementsprechend auch nicht auf einen positiven Erfahrungsschatz und einem entsprechend angemessenen Verhaltensmuster zurückgreifen. Sprich, wenn ich mit Kenzie in einen Baumarkt gegangen bin, konnte sie nach anfänglichen Unsicherheiten den Aufenthalt hier einigermaßen ruhig „aushalten“, in einem anderen Baumarkt aber, musste ich das „Training“ wieder von vorne anfangen. Ein gut und rechtzeitig sozialisierter Hund ist im Gegensatz dazu in der Lage, die Situation in einem bestimmten Baumarkt auf eine vergleichbare in einem anderen Baumarkt zu übertragen.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, wie wichtig aber auch Ruhephasen für den Hund sind. Gerade im ganz jungen Alter stürzen viele unbekannte Reize auf unsere Hunde ein. Dazu kommt, dass manche Hunde ihren "Aus-Knopf" nicht finden oder wir Menschen die Anzeichen für sein Bedürfnis nach Ruhe nicht verstehen. Aber Hunde wie Menschen brauchen Zeit zum Verschnaufen, um das Erlebte, Erfahrene und Gelernte auch abspeichern zu können. Gerade junge Hunde werden häufig haltlos überfordert, indem man ihnen, meistens sogar gut gemeint, ein Dauerprogramm bietet. Leider erreichen wir damit häufig genau das Gegenteil, der Hund kann vor Reizüberflutung kaum noch etwas aufnehmen und schaltet innerlich einfach ab. Keine guten Voraussetzungen für freudiges und haften bleibendes Lernen...

Kurzum, für die nachhaltige Sozialisierung auf das Umfeld des Hundes und seine/unsere Umwelt steht uns und dem Welpen nur ein sehr begrenzter Zeitraum zur Verfügung. Während dieser so wichtigen Zeit sollte der junge Hund vordringlich Vertrauen in seine Menschen und das Umfeld aufbauen, seine Rolle und seine „Pflichten“ im Sozialverbund kennen - und den Umgang mit Unbekanntem (Basis für Souveränität) erlernen. Und er sollte tunlichst konsequent die Grenzen seines Tuns und Handelns erfahren, um ein korrektes Verständnis für „richtig“ oder „falsch“ zu erlangen!

Deshalb sollte der Schwerpunkt in den ersten Lebenswochen des Welpen auch auf die Sozialisierung gelegt werden und nicht auf das Erlernen reiner Gehorsamkeitsübungen wie Sitz, Platz, Fuß (was nicht heißt, dass hiermit nicht auch schon in dieser frühen Phase begonnen werden sollte, auch dazu später mehr). Und selbstverständlich sollte unser Welpe auch möglichst spielerisch auf nicht so tolle Dinge im Leben, wie Bürsten, Körperkontrolle, Ressourcenverwaltung, Umgang mit Futter, „Nein!“, „Aus!“, Leinenführigkeit (wenn’s geht, bitte ohne Flexileine und Hunde müssen einander auch nicht angeleint „Hallo“ sagen…!), usw. vorbereitet werden!

Übrigens: nachweislich „erfährt“ auch der ungeborene Hund bereits in gewisser Weise seine Umwelt, dies u.a. über Hormonausschüttungen der Mutter in Abhängigkeit deren Gemütszustands, z.B. Stress. So gesehen macht es auch durchaus Sinn, sich die auserwählte Zuchtstätte, die Mutterhündin, das Umfeld und den Umgang des Züchters mit seinem Hund im Vorfeld genauer anzusehen. Und selbstverständlich beginnt die Sozialisierung des Welpen bereits beim, hoffentlich verantwortungsbewussten, Züchter!

Nun werden die meisten Welpen ja in menschlicher Obhut geboren und somit in der Regel sehr frühzeitig auch auf Menschen geprägt. Im Zusammenleben mit den Eltern und Wurfgeschwistern lernt der Welpe auch die ersten Regeln im hündischen Miteinander . Allerdings sind das Repertoire des hündischen Verhaltens und die Möglichkeiten der Kommunikation untereinander riesig, teilweise auch sehr rassespezifisch oder aber, durch zum Beispiel Züchtung (Falten im Gesicht, Fell über Augen und Maul, massige Körper, Schweratmigkeit um nur ein paar Beispiele zu nennen), arg eingeschränkt… Der Hund ist zwar als solcher geboren, versteht aber nicht zwangsläufig die „Sprache“ von so unterschiedlichen Artgenossen oder wird auch unter Umständen von diesen nicht verstanden. So gesehen, und um „hündisch“ zu lernen, ist der Besuch einer guten (!) Welpenspielstunde sinnvoll.

Welpenspielstunden sollen erst einmal eins, nämlich Spaß machen, und zwar Hund und Halter! Die Atmosphäre sollte locker sein, gelehrt und gelernt wird am Besten ohne Druck, ein kleiner Hundeabenteuerplatz wäre wünschenswert und die Ausbilder sollten ein gutes Auge für die Geschehnisse auf dem Platz haben und diese auch erklären können. Beim Spielen miteinander bilden Welpen nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten aus, sondern lernen idealerweise die Kommunikation und den Umgang miteinander. Sie können beim Raufen testen, wie weit sie gehen können (z.B. Entwicklung der Beißhemmung) oder manchmal eben auch müssen, erfahren, Frust zu haben und diesen auch mal auszuhalten, ohne mit dem eigenen Willen durchzukommen. Und sie lernen den Umgang mit ihren eigenen und den Aggressionen anderer Hunde, die zwar zum normalen Verhaltensrepertoire unserer Hunde dazugehören, aber eben ausgehalten und selbst kontrolliert bzw. angemessen erwidert werden müssen. Welpenspielstunden sind fürs soziale Lernen immens wichtig, brauchen aber einen kompetenten „Moderator“ (Ausbilder), der ausartendes „Spiel“ auch wieder in vernünftige Bahnen lenkt bzw. die Hundehalter entsprechend instruiert.

Im Welpenspiel zeigen und entwickeln Hunde nämlich auch einen Großteil ihres späteren Verhaltensrepertoires. Man/frau vergisst so schnell beim ach so niedlichen Spiel kleiner Welpen, dass viele (Rasse-)Hunde dafür gezüchtet wurden/werden, einen Job zu erledigen (Hüten, Beschützen, Jagen, Apportieren etc.) und ihre jeweilige Veranlagung im „Spiel“ dann auch entdecken und erproben. Blöd nur, dass die jeweils anderen Hunde weder Schafe, Rinder, Rehe, Hasen, Ratten oder was auch immer sind, und zwar blöd für alle Beteiligten! Ich kenne keinen Hundehalter, der erfreut darüber ist, wenn sein erwachsener Border Collie ihm andere Hunde oder Kinder zutreibt und diese dabei dann auch gerne mal zwickt. Aber als Welpe fanden alle es sooo süß, wie er die anderen Hunde immer so in geduckter Stellung angeschaut hat… der will doch nur Spielen, oder?

Hingegen kenne ich aber Hundehalter, die viel Stress mit anderen Hundehaltern hatten (haben), weil ihr Jack Russell Terrier alles, was klein und schnell war, gejagt und dann gepackt hat. Da musste dann schon mal ein Rehpinscher oder Nachbars Kaninchen dran glauben. Als Welpe war das doch nur ganz „normales“ Raufen, oder etwa nicht?

Kurzum, bereits im Welpenspiel sollte darauf geachtet werden, dass insbesondere schon früh stark ausgeprägte rassetypische Eigenschaften nicht noch weiter gefördert werden, um späteren Verhaltensauffälligkeiten, wie Angststörungen, Neurosen, Stereotypien (z.B. das Hüten von Wassertropfen), das Hüten/Jagen von anderen (kleinen) Hunden etc. vorzubeugen (die Aufzählung ließe sich noch weiter fortführen). Viele dieser Handlungen sind, insbesondere wenn der Hund zum Erfolg kommt, durch Hormonausschüttungen selbstbelohnend und werden in der Folge auch immer häufiger gezeigt (bis hin zur Sucht). Leider blockiert sich der Hund somit zunehmend auch noch selbst und das so wichtige soziale Lernen im Umgang mit anderen Hunden rückt zusehends in den Hintergrund. Gleiches gilt übrigens auch, wenn aus „Welpenspiel“ ein rein objektbezogenes „Spiel“ zwischen Hund und Halter wird, zum Beispiel durch zu frühes und exzessives Ballspiel. Ich gebe zu, Ballspielen ist auch relativ einfach, man/frau muss sich keine großartigen Gedanken über sinnvolles Spielen machen, das Welpchen ist schnell ausgepowert und müde gemacht (in der Hoffnung, dass es danach ein wenig Ruhe gibt), nur wirklich fürs Leben gelernt, hat es gerade leider auch nicht (siehe auch Regeln im Umgang mit dem Ball).

Und damit wären wir auch schon beim Thema „Hundewiese“… Dort, wo Hundehalter gerne hingehen, „um ihren (jungen wie erwachsenen) Hunden soziale Kontakte zu Artgenossen zu ermöglichen und sich untereinander fachmännisch auszutauschen“. Ja, ich gebe es zu, in diesen Zeilen schwingt ein Hauch von Ironie mit. Nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich begrüße es sehr, wenn (insbesondere einzeln gehaltene) Hunde die Möglichkeit bekommen, mit anderen Hunden zu „spielen“, so sie es denn überhaupt wollen (und viele mögen es definitiv nicht, schon gar nicht, wenn sie aufdringlich und immer wieder bedrängt werden!). Und was also lernt nun Hund auf Hundewiese? Im schlimmsten Fall blenden insbesondere diejenigen Hunde, die eh schon eine mangelnde Bindung an ihren Menschen haben, diesen im „Spiel“ völlig aus, prägen möglicherweise ihre rassespezifischen Eigenschaften ungezügelt weiter aus und lernen, das Mensch ihnen in misslichen Situationen eh nicht hilft. Schade… ich denke, häufig wäre ein gemeinsamer „Erlebnisspaziergang“ von Mensch zusammen mit seinem Hund die bessere, zumal auch die Bindung fördernde, Alternative, gerne „ergänzt“ durch ein Spielchen mit geeigneten Spielpartnern.

Und da war es wieder, dieses ominöse Wort „Bindung“, das so viele Hundehalter häufig gebrauchen, es aber eigentlich doch nicht so richtig erklären können . Ich glaube auch, dass es nicht so ganz trivial zu erläutern ist, weil Bindung im Gesamtkontext verstanden werden muss und hier eine gehörige Portion subjektives Empfinden eine Rolle spielt! Eins aber meint es mit Sicherheit nicht: Liebe! Hunde sind und bleiben Opportunisten und tun nichts dauerhaft, wenn es sich a) nicht für sie lohnt und b) einfach nur um ihrem Menschen zu gefallen (ihrem „Dosenöffner“ schon…).

Ich persönlich verstehe unter Bindung des Hundes an seinen Menschen, dass er diesem vertrauensvoll (und damit in der Regel gerne) folgt, ihn als „Rudelführer“ akzeptiert und sich an ihm orientiert. Der Mensch (ge-)leitet seinen Hund souverän durch alltägliche, aber auch schwierige oder unbekannte Situationen, ohne ihn ab- oder umzulenken oder zu manipulieren, der Hund gibt die Führung bereitwillig an seinen Menschen ab und stellt diese nicht in Frage. Umgekehrt „hinterfragt“ der Hund aber mögliches Tun wie Jagen, Vorgehen etc. erst einmal bei seinem Menschen. Das sind relativ wenige Worte für ein recht komplexes Thema, meiner Ansicht aber, objektiv betrachtet (soweit dies hier überhaupt möglich ist), die Kernpunkte.

Wie aber erfolgt denn nun Bindungsaufbau?

Eins vorneweg: BEZIEHUNG KOMMT VOR ERZIEHUNG, aber Erziehung (weil Mensch sich intensiv mit dem Hund beschäftigt) kann sehr wohl beim Beziehungsaufbau helfen.

Aber insbesondere beim Welpen braucht es anfangs kein „Sitz“ und „Platz“, um Bindung herzustellen, sondern unter Einbeziehung des natürlichen Folgetriebs und unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Welpen gilt es zum Beispiel

  • gemeinsam die Welt zu „erobern“, dem Welpen die Welt zeigen – insbesondere in der Sozialisierungsphase (siehe vor),
  • den Hund vertrauensvoll an Unbekanntes oder Ängstigendes heranführen,
  • gemeinsam und vor allen Dingen körpernah und möglichst wenig objektbezogen zu spielen,
  • zu schmusen und zu knuddeln,
  • zusammen zu „arbeiten“ (hierzu können dann die Anfänge von „Sitz“ und „Platz“ gehören, aber auch frühes Clickern, erste Schritte auf dem Hundeplatz und vieles mehr),
  • halt einfach etwas gemeinsam zu machen!

(siehe auch Bindung und so...)

Ja, und dann ist da noch der angeborene Folgetrieb , der sich in den ersten Wochen unseres Welpen in seiner neuen Umgebung ganz wunderbar zum Bindungsaufbau nutzen lässt… Einleitend möchte ich hierzu eine kleine Begebenheit erzählen. In der Hundeschule, in der ich vertretungsweise auch mal die Welpengruppen leite, war einmal in einer solchen ein junges Mädchen, ich schätze sie auf 15, 16 Jahre mit einem fünf Monate altem Mischling aus Spanien (oder so). Auf meine Aufforderung hin sollten die frisch gebackenen Hundeführer die Aufmerksamkeit ihrer Hunde erregen und sie zum Herankommen animieren. Das Mädel rief einfach nur relativ einsilbig den Namen und den jungen Kerl interessierte dies überhaupt nicht. Ich habe dann ein bisschen „gejohlt“ und den Hund freudig angesprochen und siehe da, sofort sprang der Lütte auf mich zu und ließ sich belohnen. Auf meine Frage, ob sie denn auf den Spaziergängen ein wenig üben würde, erklärte sie mir, dass sie hierfür keine Zeit habe und den Hund eh nicht von der Leine lassen könne (klar!). Aber… wenn nicht jetzt, wann dann?

Welpen und junge Hunde besitzen einen ganz natürlichen Folgetrieb, den wir uns entsprechend zu Nutzen machen sollten. Wird der Welpe von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt und kommt zu seinem Menschen, wird er sich an diesem orientieren und ihm auch folgen. Was soll das kleine Kerlchen sonst auch machen, er kennt ja noch nichts und weiß auch noch nix von dieser unseren Welt. Nun gilt es diesen Trieb, zu uns zu kommen, möglichst positiv zu verstärken, zum Beispiel durch die Gabe von Leckerlis (Leckerlis stehen hier als Synonym für Belohnung. Je nach Hundetyp kann dies auch eine Spielzeug oder ein dicker Knuddler sein, wobei dies nicht alle Hunde als Belohnung verstehen…). Es ist auch gerade in dieser frühen Phase sehr einfach, durch Kleinigkeiten wie Wegdrehen, die eigene Position oder Körperhaltung ändern, freudige Ansprache oder Ähnliches, die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu ziehen und ihn so zum Herankommen motivieren. Und sehr schnell kann man, wenn man in solchen Momenten sicher ist, jetzt kommt mein Hund, auch ein Hörzeichen fürs Herankommen einführen.

Wichtig für die erfolgreiche Grundausbildung des Hundes ist das Verständnis darüber, wie Hunde eigentlich lernen . Verstehen Sie „Schiwatzizi“? Nein? Hunde übrigens auch nicht, und Hunde können anfangs auch nicht so vermeintlich einfache Hörzeichen wie „Sitz!“ oder „Platz!“ verstehen! Und blöderweise kann ich es ihnen auch weder in Worten erklären, noch vormachen! Hunde lernen assoziativ, das heißt, sie verknüpfen das, was sie tun, mit dem, was wir ihnen sagen, deuten, anzeigen und auch mit dem dazugehörigen (Umgebungs-)Bild. Dazu gehört unter anderem auch die eigene Position in Relation zu der des Hundes (z.B. Vorsitz). Das bedeutet, der Hundeführer beginnt ein Kommando in dem Moment einzuführen, in dem der Hund das gewünschte Verhalten zeigt, direkt gekoppelt mit einer Belohnung (z.B. Gabe von einem Leckerli). Nicht umgekehrt. Möchte ich, dass mein Hund sitzt, warte ich, bis er das gewünschte Verhalten anzeigt und sage „Sitz!“. Natürlich kann hierbei anfangs durch das Halten eines Leckerlis über dem Hundeköpfchen ein wenig nachgeholfen werden. Und selbstverständlich muss ein Hörzeichen später dahingehend generalisiert werden, dass die Teile des (Umgebungs-)Bilds, die nicht für das eigentliche Hörzeichen relevant sind, abgebaut werden (ein „Platz!“ ist überall Hinlegen, unabhängig vom Ort und meiner Position zum Hund)…

Das assoziative Lernverhalten führt umgekehrt bei falscher Anwendung der Kommandos durch den Hundeführer zu Problemen. Sage ich zu meinem Hund immer wieder „Fuß“, weil ich möchte, dass er gesittet neben mir geht während er allerdings kräftig an der Leine zieht, wird er früher oder später das „Fuß“ mit dem Leineziehen verbinden. Ich übe übrigens am Anfang das „bei Fuß gehen“ durch positive Bestätigung (operante Konditionierung, hier mit Lob & Leckerchen) desjenigen Momentes, in dem der Hund freudig und ohne an der Leine zu ziehen neben mir geht und mich anguckt. Erst wenn das gut funktioniert, führe ich das entsprechende Hörzeichen ein. Kleine Anmerkung: ich glaube übrigens, das der Slalom im Agility für viele Hunde in Wirklichkeit „langsam“ heißt ;)

Zurück zum Folgetrieb des jungen Hundes - diesen können wir nun nicht nur für das Herankommen nutzen, sondern auch für die grundsätzliche Orientierung des Hundes an seinen Menschen. Spaziergänge sind dann entspannend, wenn nicht ich ständig nach dem Hund gucken muss, sondern er nach uns. Häufige Richtungswechsel, kleine Versteckspielchen, kurzes Hinhocken, Änderung der Bewegungsgeschwindigkeit, das alles sind geeignete Mittel, den Hund während eines Spazierganges stets auf uns aufmerksam zu machen (aber bitte nur in gefahrlosen Umgebungen üben). Hierbei lernt der junge Hund auf uns zu achten und uns zu folgen.

Kommt unser Hündchen dann in die Pubertät, wird er selbstsicherer und mutiger und erwacht sein Jagdinstinkt, nimmt der natürliche Folgetrieb ab. Ist die Bindung des Hundes an seinen Menschen bis dahin nicht gelungen und kommt der Hund nicht zuverlässig heran, sind entspannte Spaziergänge eher un- und sein weiteres Leben als Leinenhund wahrscheinlich. Schade, dabei wäre es so einfach gewesen…

Natürlich ist die Zeit, in der der Jagdinstinkt erwacht, auch mit einem gut erzogenen und "folgsamen"  Hund aufregend und eine Herausforderung für jeden Hundeführer. Aber die Chancen, den natürlichen Jagdtrieb des Hundes kontrollieren zu können, sind deutlich besser als bei einem Hund, dem diese Grundsätze fehlen. Geeignete Mittel um die Aufmerksamkeit des jungen Hundes beim Aufkeimen anderer Interessen dennoch zu behalten, sind, die Spaziergänge für den Hund spannend zu gestalten, den Hund seiner Veranlagung entsprechend ein wenig arbeiten zu lassen (z.B. Apportieren, Fährtensuche, Laufspiele, Unterordnung etc.) und natürliche Triebe kontrolliert zu befriedigen.

Anmerkung: Angeregt durch einen Artikel in einem Hundemagazin möchte ich an dieser Stelle etwas klarstellen. Sich selbst für den Hund interessant machen sowie Lob und positive Verstärkung (z.B. Leckerchen, Spielzeug) sind meiner Meinung nach legitime Hilfsmittel (!) bei der Erziehung und Ausbildung von Hunden, ersetzen aber weder eine nachhaltige Sozialisierung des Hundes, noch die Bindung und Orientierung an seinen Menschen (siehe vor). Eine Belohnung   muss allerdings stets prompt auf das korrekt gezeigte Verhalten und auch der jeweiligen Situation angemessen erfolgen (z.B. Mega-Jackpot nach erfolgreichem Abruf von Wild). Werden Leckerlis und Co. überwiegend als Bestechung (Lockmittel) eingesetzt, werden diese im Zweifelsfall versagen, und zwar immer dann, wenn ein anderer Reiz stärker ist…

Ich belohne meine Hunde für die prompte (und nur dann) Ausführung von z.B. „Komm her“, greife aber erst dann in das Säckel, wenn die Hunde da sind. Ich halte ihnen keine Leckerchen vor die Nase, damit sie kommen! Von einem Hund, der das „Hier“-Kommando verstanden hat, kann ich stets eine sofortige und sichere Ausführung erwarten - auch wenn mal keine Leckerlis zur Hand sind! Dies gilt übrigens für alle "überlebenswichtigen" Kommandos, also auch für das Stoppen aus freier Bewegung und für das „Warten“ an einer angesagten Stelle. Und so ein bisschen ist die Gabe von Leckerchen ja auch wie Beute teilen…

(siehe auch Bindung und so...)

Bei dieser Gelegenheit möchte ich einmal erwähnen, dass guter Grundgehorsam im Interesse und zum Schutz Aller und Voraussetzung für „Hund sein dürfen“ im Freilauf ist. Allerdings gehören zur Ausbildung auch absolute Konsequenz (nicht zu verwechseln mit Strenge) und selbstredend ausreichend Motivation von Hundeführer und Hund! Das bedeutet auch, dass der Hund eine Übung oder ein Hörzeichen nicht selbstständig abbrechen darf und für uns den Grundsatz, jedes Kommando entweder durch ein anderes oder durch eine eindeutige Aufhebung aufzulösen.

Sehr wichtig im frühen Leben unserer Hunde ist darüber hinaus das Lernen von „richtig“ und „falsch“ und damit verbunden auch die Position des Hundes innerhalb seines „Rudels“ und in der Gesellschaft allgemein. Dazu muss „Mensch“ wissen, dass der Hund nicht versteht, „heute war ein anstrengender Tag, darum darfst du, Hund, heute auf die Couch“ und am nächsten Tag nicht, weil zum Beispiel Besuch da ist. Hunde brauchen klare Regeln, was sie dürfen und was nicht. Dabei geht es nicht um die Frage, darf der Hund auf die Couch oder nicht, sondern darf er es immer oder nie. Für Hunde sind klare Regeln selbstverständlich, werden sie doch innerhalb eines Hunderudels auch eindeutig gemaßregelt. Nichtsdestotrotz versuchen sie natürlich auch immer mal wieder an den Grundsätzen und der „Rangordnung“ zu rütteln. Hier heißt es dann ruhig, aber konsequent, die einmal getroffene Entscheidung durchzusetzen. Ich wollte grundsätzlich keine Couchhunde, und Sheela hat das auch jahrelang akzeptiert, bis sie ein paar Mal bei meiner Freundin während meiner Abwesenheit auf die dortige Couch durfte. Diesen Umstand hat sie solange nicht auf unsere Couch übertragen, bis ich es einmal bei meiner Freundin erlebt und auch zugelassen hatte. Von diesem Moment an waren alle Couchen dieser Welt ihre, und - natürlich - enterte sie sodann auch mein Bett. Allerdings habe ich hier sofort und vehement widersprochen und so galt seitdem für meine Hunde: Couch ja, Bett nein! Und, ich schwöre, das funktioniert auch in meiner Abwesenheit!

Anmerkung März 2014: Mittlerweile sind es ja nun drei Hunde, die gerne Couch und Bett mit mir teilen würden. Das würde dann eng und somit gibt es seit Tattoos Einzug neue Regeln… Sheela darf ungefragt auf die Couch (im Sinne von Privilegien schaffen für Ersthunde/ältere Hunde in der Mehrhundehaltung). Kenzie und Tattoo dürfen nur auf meine „Einladung“ hin auf die Couch und im Übrigen mittlerweile auch manchmal ins Bett :). Das funktioniert zumindest bisher auch ausgesprochen gut und selbst in Hotelzimmern geht keiner meiner Hunde unaufgefordert oder während meiner Abwesenheit aufs Bett!

Damit der Hund sich also sicher an seinem Menschen orientieren kann, sollte man/frau dem Hund den eigenen Führungsanspruch durchaus klar machen, eindeutige und verbindliche Regeln aufstellen und diese auch konsequent durchsetzen (Grenzen setzen). Hierbei meine ich übrigens nicht so überholte Verhaltensregeln, wie „Mensch muss vor seinem Hund essen oder aus der Tür gehen“. Ein „Nein“ aber zum Beispiel ist und bleibt ein „Nein“, ein „Hier“ oder vergleichbare Hörzeichen muss ich gegebenenfalls und nach vorheriger Verwarnung auch mal energisch durchsetzen und das Hochspringen an Menschen auch mal „mit sanfter Gewalt“ unterbinden! Um allerdings das Vertrauen des Hundes in seinen Menschen nicht zu zerstören, muss Mensch dabei stets berechenbar für den Hund sein und bleiben! Die drei Zauberwörter in der Erziehung und Ausbildung unserer Vierbeiner heißen Konsequenz, Souveränität und Authentizität (im Hinblick auf das eigene Verhalten)!

Da ich Sheela mit 7 ½ Wochen bekam, waren Sozialisierung und Ausbildung völlig problemlos. Sheela ist ein sehr umweltsicherer und im Umgang mit Mensch und Hund überaus souveräner Hund. Bei Spaziergängen läuft sie nahezu immer ohne Leine, man kann sie problemlos überall mit hinnehmen, sie fährt gerne Auto, selbst volle Bahnen oder Busse sind kein Problem, sie kann sehr gut und völlig entspannt alleine bleiben und „fährt“ nach Trainingseinheiten oder wartend am Rand des Hundeplatzes schnell von 100 auf null runter. Und sie lässt sich in der Regel (einmalige Ausnahme bestätigt diese!) von Wild „abpfeifen“ und jagt nur kontrolliert Vögel – das allerdings mit Leidenschaft!

Viel schwieriger gestaltete sich das mit Kenzie, die während ihrer sensiblen Phase und vor ihrer Zeit bei uns, sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat. Kenzie ist ein eher unsicherer Hund, die ihre Angst gerne hinter ihren lautstarken Scheinattacken versteckt (hat). Kenzie hat auch früh gelernt, irgendwie auch ohne menschliche Führung über die Runden zu kommen, was den Bindungsaufbau deutlich erschwerte. Auf Kenzie muss man immer irgendwie ein Auge haben, sie „lesen“ und verstehen, am besten kurz bevor eine Angst auslösende Situation entsteht. Aber selbst in solchen Fällen, vertraut sie mir mittlerweile, wir kommen durch alle schwierigen Situationen gut durch, auch wenn Kenzie immer noch mal ihren Senf dazu geben muss. Kenzie besitzt eindeutig und deutliches jagdliches Interesse, lässt sich aber Gott sei Dank in der Regel gut abrufen. Die mit ihr gemachten Erfahrungen sind im Kapitel „Der "schwierige" Hund“ näher beschrieben.

Übrigens: auch Tattoo kam ja als Welpe zu uns und ich habe mit ihr das gesamte „Sozialisierungs- und Ausbildungsprogramm“ – überwiegend auch ohne Begleitung meiner beiden Großen – durchgezogen. Sie ist ein sehr gut sozialisierter Hund, die zwar noch nicht in allen Lebenslagen souverän, aber offen für das Erleben und Erlernen neuer Situationen ist. Tattoo orientiert sich definitiv bei allem, was wir tun, stärker an mir als an den anderen Hunden und ihr Grundgehorsam (inklusive Rückruf) ist auch unter Ablenkung ausgesprochen gut. Allerdings fällt ihr auf dem Hundeplatz das Warten und Aushalten müssen, bis sie dran ist, noch relativ schwer…

 

Leider gibt es kein "elektronisches" Welpenfoto von Sheela, daher hier ein Bild von Tattoo (damals drei Monate alt)